Chris Figge – Connecting People | Backstage

 

 

Die Zeit rennt.


Ein Jahr ist das Kliemannsland nun alt und seit 11 Monaten darf ich ein Teil davon sein.
Aus technischer Sicht hat sich viel getan und das Baby lernt langsam, aber sicher, laufen. 

Moin erstmal! Ich bin Chris, wohne in Hamburgs Süden, bin im “echten” Leben eigentlich Programmierer und kümmere mich größtenteils um die technischen Dinge im Land.
Eigentlich war das gar nicht mein Ziel.
Ich fand die Idee des Kliemannslandes einfach geil und wollte, in welcher Weise auch immer, daran mitwirken: Einen tollen Ort schaffen und vor allem die Infrastruktur nutzen.
Mein Kopf ist voll mit Ideen und (wichtigen) Erfindungen, allerdings fehlt einem meistens der Platz, wenn man in einer Großstadt le
bt. Also schrieb ich eine Mail an Frau Poppinga und bekam prompt eine Antwort von Hauke. Wir trafen und unterhielten uns ein paar Stunden über dieses und jenes, die zukünftigen Pläne und vor allem darüber, ob man mich irgendwie gebrauchen könne.

Ein paar Tage verstrichen und plötzlich saß man mit drei weiteren Typen im Konferenzraum. Hauke hatte sich durch die Mailflut gekämpft und alle eingeladen, die irgendetwas mit Computern machten. So lernte ich Felix, Jimi und Hendrik kennen. Felix und Jimi kommen beide aus Flensburg, Hendrik aus Bremen. Alles ITler, eher im Bereich Netzwerk/Hardware, und dann ich: Programmierer. Die drei diskutierten über Switche, Kabel und so Dinge.

Für mich klang das ungefähr so: „Der Subswitch bounced. Haha. Da muss man den Trigger auch im richtigen Layer konfigurieren“ – Klaro. Bahnhof. Eiersalat. Pusteblume…

Wir waren alle sichtlich aufgeregt, denn zu Beginn wurden wir verkabelt und ein Typ, namens Bernd, schwenkte mit einer Kamera vor unseren Nasen herum. Alles war neu, ungewohnt, aber irgendwie auch ganz cool. Das Video ging nie online, im Nachhinein wohl auch besser so. Keiner wusste so wirklich mit dieser Situation umzugehen. Kaltes Wasser und so…

Wir sollten uns also um ein WLAN auf dem Hof kümmern. WLAN auf einem circa drei Hektar großen Grundstück. Geil. Mir wurde schlecht, hatte ich bisher lediglich mal bei mir zu Hause ein bisschen damit rumgespielt. Die anderen drei waren hellauf begeistert und planten munter drauf los. Ich lief mit, hörte zu und fühlte mich dumm. Ich hatte zu dem Zeitpunkt in meiner alten Firma gekündigt und noch eine Woche Resturlaub zu verballern. Also fragte ich Hauke, ob ich nicht einfach die ganze folgende Woche vorbeikommen könne, um direkt mithelfen zu können. Daraufhin zeigte er mir eine alte, vollgestellte, dreckige und verrußte Räucherkammer und grinste: „Wäre das nicht ein prima Serverraum?“. Es dauerte dann wirklich die komplette folgende Woche den ca. 2qm großen Raum zu entrümpeln, zu putzen, große Löcher für die Kabel zu bohren und Strom und Licht reinzubasteln (und nochmal zu putzen). Das war der Startschuss für’s Netzwerk und ich hatte unwissentlich von nun an den Hut dafür aufgesetzt. Dadurch bedingt, dass die anderen drei weit weg wohnen, beziehungsweise beruflich extrem eingebunden sind, lief die meiste Kommunikation via Chat und ich bastelte drauf los.

Hendrik stand eines Tages mit zwei Bananenkartons voller Juniper-Accesspoints, mehreren POE-Injektoren und Switche vor der Tür: „Hier. Nimm. Die haben wir bei einem Kunden ausgebaut. Die sollten auf den Müll, sind aber noch ganz geil.“ Felix brachte irgendwann die erste Rolle Netzwerkkabel mit und wir begannen die ersten Accesspoints zu installieren. Die geschenkte Hardware stapelten wir stumpf auf einer Spanplatte aus dem Holzlager, die wir auf die übrig gebliebenen, eingemauerten Stangen im „neuen“ Serverraum legten. Wir hatten ja (noch) Nichts.

Zu dieser Zeit wohnte im Erdgeschoss noch der Vorbesitzer des Hofes, dessen WLAN wir freundlicherweise mitbenutzen durften. Da es keine Möglichkeit gab, ein Kabel nach unten zu legen, wurde das Signal via Funk gebrückt, was die Geschwindigkeit enorm drückte und zu immer wieder auftretenden Ausfällen führte. Es war ein ziemlich seltsamer Anblick: Der gestapelte Wust an Hardware, der kreuz und quer verkabelt auf der Spanplatte lag, vor sich hinröhrte, bis zu 1 Gbit Daten (intern) verschieben konnte und letztendlich über einen billigen, umkonfigurierten WLAN-Repeater am Internet hing. Wir lernten die alten Lehmböden im Haus kennen und buddelten das erste Mal auf einem Dachboden mit einer Schaufel ein Loch. Die nächsten Monate über zog ich dann weitere Kabel in alle möglichen Räume und Nebengebäude, durch Zwischenwände und Böden, über Balken und durch stillgelegte Rohre. Durch Jimi, Hendrik und Felix lernte ich viel über Netzwerke, Aufpatchen und Hardware. Danke dafür, an dieser Stelle! Ihr hättet mich genauso „rausvoten“ können, habt ihr aber nicht, sondern, wie selbstverständlich, mitgezogen.

Man nimmt, wie man’s kriegt: Der Hof ist uralt und war nie für so ein Unterfangen vorgesehen. Etliche Schürfwunden später ging es dann erst einmal nicht weiter: Wir hatten zwar das Studio, sowie die Werkstätten notdürftig via Richtfunk an’s Netzwerk angeschlossen, aber geil war das nicht.

Mittlerweile waren auch die Wohnwägen renoviert und es wohnten bereits Gäste auf dem Gelände, die auch ganz gerne mal, in den Betten liegend, im Netz surfen wollten. Also saßen wir plötzlich alle wieder zusammen und planten mögliche, gut umsetzbare, günstige Kabelstrecken. Kurze Zeit später stand ein kleiner Bagger vor der Tür und Eike fing an Gräben zu baggern – vom Haupthaus am Pizzaofen vorbei zum Marktstall bis hin zu Brians Haus am Ende des Feldes. Wir trafen 2x eine Wasserleitung, aber lediglich 1x das Abwasserrohr. Ganz guter Schnitt: Pläne gibt’s nämlich keine (mehr) und meistens liegen Rohre/Kabel dort, wo man sie nicht erwartet.

 

Wir bestellten zeitgleich ein paar hundert Meter Verlege- und Erdkabel und schmissen sie nach und nach in die Gräben. Normalerweise würde man die Kabel zuerst in Leerrohren verpacken, dann eine Lage Sand draufschütten und, bevor die Erde wieder draufkommt, noch ein bisschen Flatterband draufklatschen. Hier kommen wir aber nun zum größten Problem: Die finanziellen Gegebenheiten. Alles kostet Geld. VIEL Geld. Wir stemmen die komplette Technik als Freizeitvergnügen ohne Bezahlung. Die meiste Hardware sind Sachspenden.

Es wäre mir ein inneres Blumenpflücken, alles ordentlich und „vorschriftsmäßig“ zu verlegen, aber dazu fehlt schlicht die Patte. Es ist immer ein ziemlicher Drahtseilakt die maximal beste Lösung unter den gegebenen Umständen zu finden. So wurde beispielsweise die „Netzwerkbank“ aus der Not heraus geboren: Sieht aus wie eine normale Bank, funktioniert wie eine normale Bank, beherbergt allerdings im Inneren einen „Verteilerkasten“, um einerseits die Signale zu verstärken und um die Kabelstrecke in zwei Richtungen aufzuteilen.

Nach etlichen Wochen Buddeln, Kabelverlegen und diversen Schreiattacken, weil manches nicht im ersten Anlauf so funktionierte, wie es sollte, war das Netzwerk bis auf’s Feld und in den Marktstall angekommen. Unsere Gäste haben nun Strom und WLAN in den Wohnwägen. Ein interner Speedtest zeigte sogar, dass selbst im rostigen, umfunktionierten Baustromkasten noch 1 Gbit ankommt. Wenn das doch auch bloß die Anbindung an’s Internet wäre…

 

Zu dieser Zeit kam auch Jimi plötzlich mit einem kleinen, ausgemusterten Serverschrank seines Arbeitgebers im Schlepptau um die Ecke. Wir konnten nun endlich, nach all den Monaten, die gestapelte Hardware ordentlich einbauen, die Stangen aus der Wand flexen und das Brett loswerden. Vor lauter Freude spendierte ich erstmal ein Patchfeld und jeder bekam eine (!) Pommes. Der Schrank war schnell in den 1. Stock geschleppt und aufgebaut. Auch die obligatorischen 2-3 kleineren Hautabschürfungen beim Einsetzen der Käfigmuttern wurden standesgemäß „abgeholt“.

Da wir jetzt ja nun wussten, wie wir mit so einem Bagger umzugehen hatten, entschieden wir uns kurzerhand dazu, auch endlich das Studio, die Schleuse, sowie die Werkstätten vom Richtfunk zu erlösen und die Gebäude mittels Kabel in’s restliche Netzwerk zu integrieren. Dazu baggerten wir vom Pferdestall quer über den Hof zum Studio und legten 2x 100m Cat7-Verlegekabel, dieses Mal sogar durch ein dickes Leerrohr (mit Zugdraht (!11!!)), und ein dickes, neues Erdkabel, um auch gleich unsere Stromprobleme in den Griff zu bekommen. Ein bisschen Luxus darf man sich zwischendurch ja auch mal gönnen und wenn’s (nur) ein Leerrohr ist.

Somit haben wir derzeit die meisten wichtigen Areale mit WLAN versorgt. Allerdings fehlen noch: die Lagerfeuerstelle, die Pferdekoppel, der Teich und der Saal. Je nachdem, wieviel Zeit wir uns nun lassen, werden die Plätze draußen spätestens Ende Oktober erst einmal wieder uninteressant. Es sei denn, Fynn kommt im Spätherbst wieder auf die Idee Wakeboard fahren zu wollen. Aber das sehen wir ja dann. Der wird ja auch nicht jünger.

Wenn ich mal keine Lust habe am Netzwerk zu arbeiten, oder gerade mal nirgends der Schuh drückt und alles tacko vor sich hinläuft, sitze ich gerne in der „Elektrowerkstatt“ und baue Dinge, wie beispielsweise an KliDoorIS.

Das ist das automatische Türsystem im Kliemannsland und steht natürlich, völlig offensichtlich, für „KLIemannsland DOOR Interface System“. Anfang 2017 ging es als Prototyp an einer der Türen in Betrieb und wird nun nach und nach an weitere Türen festgespaxt. Funktioniert überraschend gut. Dann ist da noch Klaus-Dieter: Unsere sprechende Ukulele, die auch immer mal wieder ein bisschen Pflege, bzw. ein Tritt in den Hintern braucht, wenn sie/er/es die Verbindung zum Server verliert. Achja: Und die Photobox vom letzten Wuwa… Wivawu… Wawuzi …  (Alter!) Weihnachtsmarkt wollte ich auch immer mal weiterentwickeln. Viel Zeugs. Viel zu wenig Zeit. Wenn du also Bock auf sowas hast: Dann meld’ dich doch mal!